Der weiße Fleck

Der weiße Fleck, eine Erzählung
Es war schon empfindlich kalt, obwohl der November noch jung an Tagen war. Inga erwachte vom scharrenden Geräusch des Feuerhakens, das sich nicht vermeiden ließ, wenn Ralf die Asche aus dem Feuerloch des alten Kachelofens in den Kasten beförderte. Inga setzte sich im Bett auf, eingemummelt in die Bettdecke, als der kleine Paul unter die Decke seines Vaters schlüpfte. Es war Freitag, keine Zeit zum Trödeln. Inga wuschelte ihrem Kind durch das weiche Haar. Dann pustete sie in Pauls Nacken, griff ihn sich lachend, als er kichernd zusammenzuckte und setzte ihn auf den Topf. Wie üblich schaltete sie den Fernseher ein, um im Frühstücksfernsehen zu sehen, wie die da drüben den Tag mit gutem Kaffee, Cornflakes und Schokoriegeln begannen. Inzwischen war es für Inga normal, Westfernsehen zu sehen. Keiner schaltete mehr um, wenn es klingelte, so wie es in ihrer Kindheit immer gewesen war.
Als Inga damals nach Potsdam kam, um die Welt des Films zu studieren, sah sie oft während der Vorlesungen aus dem Fenster auf den Grenzstreifen nach Westberlin. Sie konnte den Soldaten auf dem Wachturm in die Augen sehen. Für Inga war die Grenze schon immer da, aber so nah war sie noch nie. Inga spürte Verwunderung und Unbehagen. Daran gewöhnt hatte sie sich bis heute nicht.
Während Inga das Bett im Wohnzimmer wegräumte, begleitete sie zur Freude ihres Kindes jede Bewegung mit einem Geräusch. Sie quietschte und ächzte, sie blubberte und jammerte, Paul riss die Arme hoch und warf den Kopf nach hinten, dass es tatsächlich aussah, als könne er sich vor Lachen wegschmeißen. „Was macht ihr?“, rief Ralf aus der Küche dem fröhlichen Lärm entgegen. Auf einmal hielt Inga inne, so unvermittelt, dass auch Paul blitzartig verstummte. Sie sah im Fernsehen eine Frau, die direkt am Brandenburger Tor mit einem Soldaten diskutierte. Unmöglich, schoss es Inga durch den Kopf, da kommt niemand lebendig hin. Kurz und laut rief sie nach Ralf und löste dabei nicht den Blick vom Fernseher. Diese irrealen Bilder hinterließen beide für Sekunden fassungslos. Ralf kam zuerst zur Besinnung und schaltete zur Kontrolle durch die Sender. Es kam überall, die Grenzen sind offen, nur noch bis acht Uhr kann man ohne Pass und Visum nach Westberlin. Ein kalter Schauer lief Inga den Rücken hinab. Angst und Freude, Ungewissheit und Sorge schwemmten sie wie Treibgut am Strand hin und her. Was denkt man, wenn man nicht weiß, was man denken soll, aber doch denken muss. Eine Explosion von Ideenbruchstücken sabotierte Ingas Kopf.
„Es ist jetzt 6.30 Uhr“, sagte Ralf und holte sie ins Wohnzimmer zurück. „Mein Zug nach Berlin geht um halb acht“, reagierte Inga benommen. „Ich habe eine wichtige Versuchsreihe in der Hochschule begonnen, da muss ich hin“, meinte Ralf nüchtern. „Lass uns zur Arbeit fahren und dann weiter sehen?“ Inga nickte und gab ihrem Mann flüchtig einen Kuss. So gewann der Alltag Oberhand. Als Inga ihr Büro im Sender betrat, fand sie nur die Sekretärin vor. Alle ihre Kollegen pfiffen auf den Werktag, sie erkundeten Westberlin, den weißen Fleck auf ihrer Landkarte. Jetzt schien Inga ihr Pflichtgefühl lächerlich. Sie wählte Ralfs Nummer. „Hallo Ralf, hier ist kein Mensch, die Grenzen sind immer noch offen. Was meinst du?“ „Bei mir arbeitet auch keiner. Komm nach Hause. Wir holen Paulchen und gucken dann, was geht.“
So war der Alltag auch durch die offene Grenze verschwunden, abgehauen, wie man sagte. Inga und Ralf fuhren mit ihrem Kind in ihrem scheußlich braunen, aber heiß geliebten alten 408 Moskwitsch zum Grenzübergang Drewitz. Kurz vorm Ziel ängstigten Inga ungezügelte Gedanken. Republikflucht war das, was sie taten und nicht wollten. Was, wenn alles nur ein Irrtum war? Wären nicht die vielen anderen Trabbis, Wartburgs und Skodas gewesen, die durch die Kontrolle fuhren, mühelos, ohne Hast, ohne dass es nach einer Straftat aussah, Inga wäre umgekehrt. Sie kamen immer dichter an den uniformierten Posten heran. Inga drückte ihr ahnungsloses Kind beschützend an sich. Ralf kurbelte das Fenster herunter. Was, wenn sie uns festnehmen, schoss es Inga durch den Kopf, wenn sie denken… „Die Ausweise bitte!“, verlangte der Uniformierte gelassen, beinahe freundlich. Ralf hielt die Luft an. „Wollen Sie zurückreisen?“ Jetzt ist es passiert. Dürfen wir nicht? Die Frage sauste wie eine glühende Billardkugel durch Ingas Kopf, ohne dass sie sie einlochen konnte. Was denkt der? „Selbstverständlich“, antwortete Inga mit etwas schriller Stimme. Worauf der Stempel auf die Ausweispapiere rauschte. „Na, dann einen schönen Tag“, der Grenzposten lächelte. Inga blieb der Verdacht, in eine Falle getappt zu sein.
Ralf und Inga hatten keine Ahnung, wo sie waren. Ralf fuhr einfach mit dem Strom. Ein Hupkonzert der Westautos begleitete sie. Fremde Menschen winkten ihnen zu. Ohne genau zu wissen wie, fanden sie das Rathaus Charlottenburg und nahmen etwas peinlich berührt das Begrüßungsgeld entgegen. Auf der Wilmersdorfer Straße beobachteten sie einen türkischer Obsthändler auf dem Gehweg. Apfelsinen und Bananen türmten sich in für die beiden unfassbarem Überfluss. Der Händler selbst fand kaum den Blick zur Kundschaft. Das Gelb und Orange der Früchte strahlte wie die Sonne an diesem kalten grauen Novembertag. Zwanzig Meter weiter kniete ein Mann in Lumpen auf einer Pappe und hielt bettelnd die Hand ausgestreckt. Die Passanten schienen den Kontrast nicht zu sehen. Inga griff Ralfs Hand, sie schaute ihm erschöpft in die Augen „Morgen machen wir es uns gemütlich.“ Ralf drückte sie zustimmend an sich und sie begaben sich mit dem müden Kind im Wagen auf den Heimweg. Der Alltag blieb noch lange Zeit verschwunden.