Die Nacht bringt es zu Tage

Die herannahende Nacht drängt mit ihrer Finsternis die Menschen, bedächtiger durchs Leben zu gehen. Eine unerklärliche, beinahe lebendige Kraft geht von der dunklen Stille aus und zwingt zum Innehalten. Einem Wesen gleich lässt sie ihr tief blauschwarzes Tuch auf die Stadt niederschweben, samtweich wie der Atem einer Schlummernden, und liebkost die Gemüter aller Bewohner, bis sie beinahe schwerelos in den erholsamen Schlaf gleiten.
Die Nacht sieht aber auch die wenigen Seelen, die sie nicht erreicht.
Auf einmal ist die kühle Marga Petrasch unter den Ruhelosen, eine Beamtin, die seit fast zwei Jahrzehnten aus ihrem Büro heraus mit der Leichtigkeit einer Telefonistin Verbindungen zwischen Kindern und Erwachsenen herstellt oder beendet. Rein äußerlich ist sie ein wenig schwerfällig. Jedoch kann sie allein mit einer energischen Kopfbewegung, die nur durch das Flattern ihrer dünnen grauen Haare etwas sanfter wird, alle im Raum stehenden Zweifel von Amtswegen zur Tür hinaus fegen. Genauso hat sie es auch vor Wochen getan, als ihre Knie-OP unaufschiebbar anstand. Damals war sie es leid, einer jungen Frau zuzusehen, die selbst im Mutter-Kind–Heim ihrer kleinen Tochter nicht gerecht wurde. Eine Herausnahme des Kindes, wie es im emotionslosen Amtsdeutsch heißt, würde den Leidensdruck der halberwachsenen Mädchenmutter wohl soweit erhöhen, dass sie sich bemühte, ihr Leben zu ordnen. Marga Petrasch hatte ordentlich Staub aufgewirbelt. Aber die Wolke blieb hinter ihr und nahm all denen, die schlaflos durch die Nacht wandern, den klaren Blick. Doch die nicht gestellten Fragen der Beamtin verhalten sich wie Kakerlaken in deren Bewusstsein, sie meiden den Tag und werden unerträgliche Begleiter in der Dunkelheit.
So tollt ein kleines, kaum dreijähriges braungelocktes Mädchen wie der Derwisch durch ihr enges Büro im Jugendamt. Es klettert mit unglaublicher Geschwindigkeit über die Aktenberge, die dabei mit Kinderstimmen stöhnen und klagen. Marga sitzt in bleierner Schwere, völlig unbeweglich, auf ihrem Bürostuhl und schaut ohnmächtig zu. Die Akten geraten aus dem Gleichgewicht und reißen im Sturz alle anderen mit. Das Kind springt unbeschadet von einem fallenden Stapel zum nächsten. Während Marga unter den Akten verschüttet wird, spürt sie, wie sich die harten Kanten der schweren Ordner in ihre Haut graben. Ihr wird die Luft knapp. Durch einen schmalen Spalt schaut das kleine Kind von der Spitze des Berges auf sie herab. Den starren Blick des Mädchens auf sich spürend, schreckt Marga aus dem Schlaf.
Unter einem anderen Teil des nachtschwarzen Tuches wird Leonie vom ungewohnten, zugleich lieblichen Duft des sauberen Bettes, von bunten lachenden Löwenbabys und Giraffenkindern auf der Bettwäsche in den Schlaf gelockt. Die unglaublich heile Welt gaukelt Sicherheit vor und die Wucht des Erlebten katapultierte sie in einen erschöpften Tiefschlaf. Der vom Nuckeln früher ganz wunde Mund ist abgeheilt und sanft geschlossen. Die Augenlider verdecken die dunklen, graugrünen Augen. Aus der kleinen Nase strömt der ruhige Atem des schlafenden Kindes. Die braunen Locken wirbeln um das stille Gesicht und lassen das eigentliche Chaos erahnen. Dann kommt die Nacht mit glitzernden Sternen, bemüht, zu bezaubern und in friedlicher Absicht. Aber die Finsternis bleibt in den Winkeln des ungewohnten Zimmers. Leonies erschöpfter Schlaf weicht den Träumen aus diffusen Erinnerungen. Verluste und Unverstandenes türmen sich zu Monstern. Die Geborgenheit des Bettes wird zum Gefängnis. Es gibt keinen Ausweg. Leonie versucht, die Monster durch Schreie und Tritte in die Flucht zu schlagen. Auf dem Gipfel der Verzweiflung rennt sie in ihrem Gitterbett hin und her und stolpert immer wieder erschöpft über ihre Bettdecke, ohne liegen bleiben zu können.
Hilflos wendet sich die Nacht der nächsten schlaflosen Seele zu. In der Siedlung am Rande der Stadt, wo die Häuser mindestens sechs Stockwerke hoch sind, ohne Phantasie aneinandergereiht, wo alles grau und eng erscheint, lebt Lara. Sie liegt bewegungslos auf der Ledercouch, die ihr der Nachbar geschenkt hat, als sie dazu kam, wie er sie auf die Straße stellen wollte. Nur die blasse Nasenspitze, ein paar rosa Haarsträhnen und die von Schlaflosigkeit dunkel umrandeten Augen sind unter der kratzigen Wolldecke zu sehen. So starrt sie ängstlich auf das bizarre Spiel der Schatten, die die vorbeihuschenden Lichter an die Wand ihres Zimmers werfen. Hier gibt es keine wohlige warme tiefblaue Dunkelheit. Das Unheil lauert in den schwarzen Ecken, es sind die Vorwürfe der Mutter oder die Drohungen des Stiefvaters, manchmal auch die Erinnerungen an die Schreie ihrer Tochter. Gestern noch brachte ihr die nahende Nacht durch die verordnete Abwesenheit ihres Kindes das Gefühl von Freiheit und Sorglosigkeit. Laute Musik, Freunde und ihre Brüder, Alkohol und Zigaretten verjagten die Schatten aus der Wohnung und brachten Spaß. Die Stille der heutigen Dämmerung lässt sie, einem Phantomschmerz gleich, die warme Umarmung ihres Kindes spüren.
Bei Katrin ist die schwarze Stille schon viel zu lange ohnmächtige Zeugin einer sich unaufhaltsam zusammenbrauenden Katastrophe. Seit zweihundertdreiundzwanzig Nächten findet die Mutter von drei großen Kindern keinen erholsamen Schlaf. Auf der Flucht vor der Gewohnheit lernt sie Leonie kennen. Mit jeder Stunde dieser neuen Verbindung wächst Katrins Zuneigung für das entwurzelte Mädchen, aber durch das abgeklärte Schweigen des Jugendamtes wachsen auch ihre Zweifel an der Notwendigkeit, das Kind von der Mutter zu trennen. Wie der Hilfeschrei einer Ertrinkenden dringt Leonies nächtlicher Aufschrei innerhalb von Sekunden in Katrins Bewusstsein. Elektrisiert von der Not der Kleinen, stolpert die Vierzigjährige besorgt in Leonies Zimmer. Von ihren Träumen gepeinigt, schlägt das kleine Mädchen um sich, nicht imstande, das Hier und Jetzt wahrzunehmen. Behutsam versucht Katrin in ihre Traumwelt zu dringen und zugleich die Familie vor dem allnächtlichen Geschrei zu bewahren. Der sanfte Ton verliert sich wirkungslos in Leonies Panik. Kurzentschlossen nimmt sie die Kleine und drückt sie gegen deren Willen an ihren Körper. Leonie wird still. „Schscht, ich pass auf dich auf, Leonie! Alles wird gut.“ Katrin schlägt das Herz bis zum Hals, weil sie selbst nicht weiß, wie alles gut werden soll. Sie setzt sich mit dem erschöpften Kind auf dem Arm auf den alten gemütlichen Sessel neben dem Kinderbett und beide kuscheln sich notdürftig unter eine Wolldecke. Sie schließen die Augen. Das Brausen in den Ohren lässt Katrin die Stille nicht hören. Draußen glitzern, um Aufmerksamkeit bittend, die Sterne und Leonie blinzelt geblendet und versinkt in die Tiefe endloser Müdigkeit. Sie schmiegt sich an die für sie sorgende Frau. Katrin legt ihre Hand auf Kopf und Nacken der Kleinen und streichelt sie in den Schlaf. Der Lärm in ihrem Kopf wird nur wenig leiser. Leonies Ringellocken kitzeln Katrin an Nase und Mund und ihr Herz beginnt langsam etwas ruhiger zu schlagen. „Ich pass auf dich auf“, flüstert sie Leonie ins Ohr und macht sich damit selber Mut, mit der zermürbenden Unsicherheit im Nacken, ob ihr Tun richtig ist. Aber Katrin hat keine Wahl, sie hat den Auftrag und sie ist allein mit diesem verzweifelten Kind. Nach ungemessener Zeit schläft Leonie in dieser sicheren Umarmung ein und Katrin legt sie wieder in ihr Bett. Dann schleicht sie zurück in die eigenen Federn, um gleich nach dem ersten Wegsacken erneut zu Hilfe zu eilen.
Als sich die Dunkelheit von der Stadt abwendet, um für Licht und Sonne das Feld zu räumen, hat Lara eine Entscheidung getroffen.
Epilog
Lara holt ihr Kind vom Kindergarten ab und bringt es nicht wieder zur Pflegefamilie zurück. Katrin wartet, ohne Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Zwei Stunden, nachdem Leonie zu Hause hätte sein müssen, erhält Katrin von Marga Petrasch einen Anruf. Die Beamtin teilt der Pflegemutter mit, Leonie bleibe bei ihrer leiblichen Mutter. Rechtlich gilt das Kind als beurlaubt. Katrins Sorgen um Leonie bleiben unverstanden. Lara erlaubt der Pflegemutter eine Stunde, nachdem Leonie sonst zu Bett geht, mit dem Kind zu telefonieren. Katrin versucht Leonie zu erklären, dass sie heute bei ihrer Mama Lara schläft. Leonie ist zu klein, um zu verstehen. Am späten Abend begreift das überforderte Kind, dass es nicht nach Hause geht. Leonie ist wütend auf Katrin, die sie verlassen hat, obwohl sie sie beschützen wollte. Es ist Samstag. Marga Petrasch geht ins Wochenende. Ab Montag wird sie die Entscheidung der jungen Mutter als die eigene mittragen.